13. Dezember 2017

Ab durch die Arktis

Mit Nordlicht und Tarifvertrag: Eine Alternative zu den Schrecken der Kreuzfahrtindustrie


Von Jörn Boewe, aus: Alternatives Reisen, Beilage der jW vom 13.12.2017

Eine Schiffsreise kann eine ausgesprochen inspirierende Angelegenheit sein. Jedenfalls ist das die Wunschvorstellung salzwasseraffiner Landratten. Ein Grund, warum der Markt für Kreuzschiffahrten seit Jahren boomt. Das Problem: Kreuzfahrtschiffe sind das genaue Gegenteil von inspirierend, wie jeder, der so etwas bereits mitgemacht hat, wenigstens insgeheim bestätigen wird. Oder man hätte es wissen müssen, wenn man jemals auch nur eine einzige Folge der ZDF-Serie »Das Traumschiff« gesehen hat. Wer dennoch mit dem Gedanken spielt, sollte vor der Buchung unbedingt David Foster Wallace’ Reportage »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich« lesen.


Exzessive Gute-Laune-Animation und umkämpfte Mega-all-inclusive-Buffets sind nicht die einzigen Probleme. Ein Kreuzfahrtschiff mit zwei-, dreitausend Passagieren verbraucht Ressourcen wie eine Kleinstadt, produziert Abgase wie fünf Millionen Autos, gehört de jure einer Offshore-Briefkastenfirma und de facto einem milliardenschweren Finanzkonzern und wird von schlecht bezahlten, überausgebeuteten Arbeitskräften am Laufen gehalten.

Das alles ging mir durch den Kopf, als mich meine Mutter im Frühjahr fragte, ob ich mit ihr auf eine Schiffsreise durch die norwegischen Fjorde gehen würde. Meine Mutter geht auf die 80 zu. Ich wusste, dass sie diese Reise eigentlich mit meinem Vater hatte machen wollen, der vor zwei Jahren starb. Kurzum, ich konnte ihr das schlecht abschlagen, also sagte ich: »Mutti, auf so einen Billigflaggendampfer setz’ ich keinen Fuß, es sei denn, ein Inspektor der Internationalen Transportarbeiterföderation und ein Trupp Hafenarbeiter sind dabei. Aber ich überleg mir was.« Ja, aber was?

Von Fjord zu Fjord

Nun, es gibt eine sympathische Alternative zu den Abgründen der Kreuzfahrtindustrie – ökologisch akzeptabel und sozial geradezu vorbildlich organisiert. Seit 1893 verbindet die norwegische Postschifflinie Hurtigruten die Orte der 2.700 Kilometer langen Westküste des Landes – von Bergen, das ungefähr auf der geografischen Breite von Oslo und Stockholm liegt, bis nach Kirkenes kurz vor Murmansk.


Bis in die 1970er Jahre war die Postschifflinie für etliche Gemeinden die einzige Verkehrsanbindung an den Rest des Landes – so zerklüftet und unwegsam ist die Region. Straßenbau ist hier unglaublich teuer, weil es ohne Tunnel und Brücken nicht geht, und wurde in nennenswertem Umfang erst möglich, nachdem die Norweger 1969 auf Öl stießen und über Nacht entdeckten, dass sie reich waren.


Der Postverkehr wurde Mitte der 80er eingestellt, und die Hurtigruten wurden touristischer. Inzwischen sind rund zwei Drittel ihrer jährlich 450.000 Fahrgäste Rundreisepassagiere. Der Rest nutzt die Linie wie eine normale Fähre – von einem Fjord zur nächsten Insel, auch Fracht und Autos werden befördert.


Der einstige Geheimtip wird heute ohne falsche Bescheidenheit als »schönste Seereise der Welt« vermarktet. Ausgangspunkt Bergen wird von vielen deutschen Flughäfen direkt bedient. Fünfeinhalb Tage braucht das Schiff bis Kirkenes, das etwa 400 Kilometer nördlich des Polarkreises und zehn Kilometer vor der russischen Grenze liegt. 33 Häfen werden angefahren, also etwa fünf am Tag.

Runter vom Kahn

Statt Partyanimation bietet die Hurtigruten Naturerlebnisse. Ein »Expeditionsteam« lädt jeden Tag zu Ausflügen ein – die allerdings extra bezahlt werden müssen und recht teuer sind. Man kann aber auch auf eigene Faust Wander- und Klettertouren auf den Granitfelsen längs der Fjorde unternehmen. Auch für Spaziergänge durch Trondheim, Tromsö und Hammerfest braucht man keinen Fremdenführer.


Ansonsten kann man auf Deck abhängen und eine Landschaft an sich vorbei ziehen lassen, die so unglaublich bizarr und zugleich erhaben ist, dass man sofort versteht, warum ein avantgardistischer Planetenbaumeister in Douglas Adams’ Roman »Per Anhalter durch die Galaxis« dafür einen Designerpreis bekommt.


Bleibt die Frage, wann man am besten reist. Hochsaison ist von Ende Mai bis August. Offenbar zieht die Mitternachtssonne Einwohner der mittleren Breiten magisch an. Entsprechend steigen die Ticketpreise. Wer hart im Nehmen ist und beste Sicht aufs Polarlicht sucht, kann über eine Reise im Winter nachdenken. Allerdings liegt die Hälfte der Strecke nördlich des Polarkreises, wo es von Dezember bis März auch tagsüber nicht mehr sehr hell wird.


Der arktische Frühling im April, Mai ist mit Sicherheit eine gute Wahl. Aber wahrscheinlich kann man keine bessere Reisezeit finden als Ende September. Die Luft ist schon kalt, aber die Sonne hat noch Kraft. Die Touristenarmeen sind abgezogen. Oktoberstürme und Polarnacht stehen erst noch bevor.



25. September 2017

13. April 2017

Die Ratlosigkeit des Reporters

Es ist ein Weilchen her, dass ich gespannt auf eine Ausgabe des Spiegel gewartet habe, aber nach der Ankündigung einer Reportage von Alexander Osang über Frauke Petry in der letzten Woche war ich neugierig.


Osang ist mir schon in den 90ern als genauer Beobachter und erstklassiger Erzähler aufgefallen, und er hat eine gewisse Skepsis den eigenen Vorurteilen gegenüber. Ich würde sagen, er hat davon – Skepsis, nicht Vorurteile – mehr als die meisten Journalisten, jedenfalls in dieser Republik. Wahrscheinlich ist es nicht ganz einfach, sich das zu erhalten, wenn's einen dauerhaft in die upper middle class verschlagen hat. Lauter aufgeklärte, fortschrittlich denkende Leute, die »bewusst leben«, überdimensionierte, aber schadstoffarme Autos fahren und das eigene Weltbild nicht für Ideologie, sondern die größte Selbstverständlichkeit des Universums halten.

Meine Welt ist das nicht, aber wenn sie's wär, würde ich wahrscheinlich auch nicht freiwillig weggehen. Wohin auch? Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich habe das Gefühl, Osang spürt, wie brüchig und hohl das alles ist. Obwohl er in der bürgerlichen Mitte, also der besten der Welten, lebt, traut er dem Frieden irgendwie nicht. Vielleicht ist es das, was ich an Osang am meisten mag.

Ich hab die Spiegel-Geschichte über Frauke Petry dann gelesen und zum Schluss hin nur noch überflogen. Wahrscheinlich ist das keins von Osangs stärksten Porträts. Er kommt ihr doch nicht so nahe, wie er das am Anfang befürchtet und wie ihm das bei vielen anderen Leuten, ob er sie nun mochte oder nicht, in den letzten Jahrzehnten gelungen ist. Frauke Petry bleibt merkwürdig umrisshaft.

Aber es gibt an diesem Text etwas unerhört Starkes, und das ist paradoxerweise der offene Umgang des Autors mit seiner eigenen Ratlosigkeit. Die Irritation über die Diskrepanz zwischen Petrys im Großen und Ganzen sympathischen Auftreten und der, nun ja, autoritären, auf Angst und Hass aufbauenden Politik, die sie strategisch kühl und klug verfolgt.




Stefan Niggemeier, zweifellos einer der klügsten Medienkritiker des Landes, moniert in seinem Blog uebermedien.de, der Artikel handele »an vielen Stellen gar nicht von Frauke Petry, sondern von Alexander Osang«. Das mag schon sein, aber Osang ist kein Selbstdarsteller, sondern ein Mensch, der durch den »Wald der Dinge« geht, und sich wundert. Und das ist offensichtlich etwas, mit dem manche Leute, auch intelligente, warum auch immer, nichts anfangen können. Na gut. Für mich ist es ganz und gar kein Fehler, dass der Reporter seine eigene, subjektive Irritation thematisiert. Die gehört nun mal zur Situation, und ist deshalb eben nicht nur subjektiv, sondern zugleich auch Teil der objektiven Realität. Ich verstehe sofort, was er meint. Versteht Ihr, was ich meine, geschätztes Fachpublikum? Eben. Es ist nicht so banal, wie es klingt.

2. April 2017

one day

»One day I will find the right words, and they will be simple.«

Jack Kerouac, The Dharma Bums

easy go

13. Februar 2017

10. Januar 2017

Yamaha Guitalele GL 1

Ich war auf der Suche nach einer Gitarre, die in einen Rucksack passt. Etwas, worauf man üben kann, das zugleich einen echten Klang hat (also keine Silent-Gitarre) und bei all dem nicht zu viel kosten sollte. Schließlich entschied ich mich für die Yamaha Guitalele GL 1. Sie hat die Größe einer Ukulele, ist aber sechssaitig und in Quarten gestimmt wie eine Gitarre, aber eine Quarte höher, also in A-d-g-h-e'-a'. Der Klang erinnert ein bisschen an ein Banjo, aber sie kann doch auch erstaunlich warm und melodisch klingen.